Sprachlos

Als ich eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte fand ich meinen Mund mit dünnen Fäden genäht.
Sie alle waren von sehr feiner, fast unsichtbarer Natur. Nur ertastbar, erlebbar, nicht jedoch sichtbar verschlossen sie meinen Mund mit einer Kraft, wie sie kein Strick hätte aufbringen können.
Vorerst bemerkte ich sie nicht, da ich es nicht pflegte mit mir oder meinem Spiegelbild, welches mich auch heute mit dem selben Anblick wie jeden morgen begrüßte, zu reden oder gar mir selbst einen guten Morgen zu wünschen, da ich der Meinung war, dass man, einen guten Morgen sich nur selbst wünschte, wenn der Morgen noch nicht begonnen hatte und man somit nichts darüber aussagen konnte ob er nun gut oder schlecht werden würde oder wenn man einen schlechten Morgen hatte und sich wünschte, dass er gut würde.
Erst als ich mich zu meiner Familie setze und diese mir einen guten Morgen wünschte, was ihr gutes Recht war, da sie schließlich nicht wussten ob ich nun einen guten Morgen hatte oder nicht und sie somit nur ihre gut gemeinte Fürsorge ausdrückten, wünschte ich selbst ich hätte mir einen guten Morgen wünschen können, da ich nun, da ich meinen Mund nicht öffnen konnte, feststellen musste, dass dies ein ganz und gar nicht guter Morgen war.
Höflich verneigte ich mich und deutete durch eine Handbewegung an noch einmal zurück ins Bad zu müssen, um mich weiter frisch zu machen.
Dort angekommen blickte ich in den Spiegel und erkannte nichts was mich daran hätte hindern können den Mund zu öffnen, doch jedes Mal, wenn ich es versuchte, so schienen dünne Stränge an meinen Lippen zu ziehen und diese daran zu hindern sich zu öffnen.
Erst als ich meine Hand zu ihnen führte und mir vorsichtig mit den empfindlichen Fingerspitzen über die Lippen fuhr fühlte ich dünne Fasern, welche sich vier Mal über meine Lippen legten und diese eng zusammenpressten. Wie in Trance strich ich noch einige Male hinüber, nur darauf bedacht die feine Struktur weiter zu erfühlen, bis ich anfing zu reißen, zu zerren und mit Leibeskräften zu versuchen die hinderlichen Fäden zu entfernen, doch alles was ich erreichte war mir die Finger an ihnen blutig zu schneiden.
Als ich wieder zu meiner Familie zurückkehrte reagierte diese mit Unverständnis auf meine Sprachunfähigkeit, doch sie fragten nicht lange, da ihnen bald bewusst wurde, dass ich nicht in der Lage war zu antworten, sondern nahmen schon bald getrost keine Kenntnis mehr von mir. Wer Grüße, Wünsche und auf Fragen nicht erwidern konnte, der musste auch nicht gegrüßt, bewünscht oder gefragt werden.
Ähnlich verhielt es sich auch auf der Arbeit, in meinem Umfeld und bei einigen meiner Freunde. Nur die, die in engem Kontakt zu mir gestanden hatte mühten sich noch mir zu helfen und sich durch alternative Mittel mit mir zu verständigen, doch auch dies wurde ihnen bald lästig und sie gaben die allgemeinen Bemühungen auf und distanzierten sich mehr und mehr von mir.
Zwar verhielt es sich so, dass ich in den meisten Situationen noch immer in dem Sinne, in dem normale Menschen zu reagieren pflegen, reagieren konnte, doch erklärte man mich für geistig wirr, da ich die Fragen eines Keinen beantworten konnte, so sehr ich mich auch bemühte diesen Defizit auszugleichen und nach wenigen Monaten hatte ich meine Arbeit und meine Freunde verloren, während mich meine Familie zwar noch bei sich aufnahm, doch wie einen Ausgestoßenen behandelte.
Anfangs hatte ich auch noch vergebens versucht mich mit Brummlauten und diversen anderen Arten Töne von sich zu geben zu verständigen, denn schließlich war ich nicht stumm geworden, doch man winkte mir nur ab und signalisierte ich solle diese lästig, animalischen Töne nur unterlassen, es würde sie an ein wildes Tier, welches sich seiner selbst nicht bewusst ist, erinnern und wie ein solches wildes Tier behandelten sie mich auch. Sie versuchten mich abzurichten, mir Worte beizubringen, doch begriffen nie, dass ich sie noch immer in vollem Maße verstand. Nach diesen Zwischenfällen unterließ ich es völlig Laute von mir zu geben und distanzierte mich von meiner Umwelt, so wie sie es von mir erwartete.
Ein Irrer war ich für alle geworden, ein wirrer Geist, dem die Fähigkeit sich auf einer allgemein bekannten Art und Weise zu artikulieren genommen worden war.

Wohl ein gutes Jahr später war ich des Lebens müde, als mir klar wurde, dass es mir sogar verwehrt war mich selbst einzuweisen.

4.11.07 19:49

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