Spielplatzidylle

Im grauen Nebel unergründlicher Erinnerungen schwebt das Bild eines Spielplatzes.
Wie ein schwarz-weißes Bild, welches so alt ist, dass es keine Farbe besitzen kann, aber auch so gut gepflegt und behandelt, dass es keine Vergilbungen oder Verblassungen aufweist. Allein seine betörend schöne und doch makabere Bedeutung erhält es in diesem Zustand.
Hier sieht man eine Schaukel, dort ein Klettergerüst aus Reifen und wiederum an einem anderen Fleck eine Rutsche. Alle sind sie fest im Sandkasten unter ihnen verankert.
Weniger statisch befestigt, auf dem Reifengerüst verweilend, befinden sich 3 Mädchen. Eine davon mit einer gläsernen Flasche in der Hand.
Nichts wirkt an ihnen skurril oder unangebracht, außer vielleicht dem Alter. Drei Jugendliche, die sich unterhalten, wobei die Unterhaltung lediglich als undeutliches Getuschel wahrzunehmen ist, da die Erinnerung an sie an nichts als ihre bloße Existenz heranreicht.
Minutenlang existiert ausschließlich das monotone Störgeräusch der verblassten Erinnerung an die Unterhaltung, bis eine der Jugendlichen, genau genommen das Mädchen, welches die Flasche in der Hand hält, von dem Gerüst springt und auf eine nahe gelegene Steinmauer zugeht.
Sie hebt die Flasche über die Schulter, hält einen Augenblick inne, holt aus und zerschlägt sie, so dass sie in tausend Scherben zerbricht, welche sich gleichmäßig in der Umgebung verteilen. Nun bückt sie sich, hebt 2 der Scherben auf und geht mit ihnen gemäßigten Schrittes wieder zu den anderen zwei Mädchen, welche immer noch ruhig auf ihrem Platz verweilen.
Eine Scherbe in die Hand des Mädchens mit der Flasche, eine in die des anderen Mädchens, während das dritte laute Proteste, wahrzunehmen durch eine Steigerung der Lautstärke des Störgeräusches, ankündigt, doch nichts bewirkt. Schließlich springt sie vom Gerüst, die verbliebenen Scherben vom Kinderspielplatz aufzusammeln. Von der Handlung auf dem Gerüst sieht sie nichts, doch die Rolle der alleine wissenden und nicht zusätzlich sehenden Zeugin genügt ihr.
Auf dem Obersten der alten Reifen wird nun ein Ärmel der einen, dann ein Ärmel der Anderen hochgekrempelt. Alles findet parallel statt: Die Scherbe, die zur Unterseite des jeweiligen Armes geführt wird, ihre Schneide, die sich langsam aber sicher in das Fleisch hinein schneidet und das rote Rinnsaal, welches als Resultat dieser Aktion den Arm hinunter rinnt.
An jenem Tag wurde ein stummer Pakt des Vertrauens, dem eine Zeugin beiwohnte, geschlossen, der trotz seiner Intimität in den folgenden Jahren zerbrechen sollte.
- Beim einer starb die Liebe, der Anderen brach das Herz.

19.5.07 17:12

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